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Prolog -

 

 

Nur schemenhaft verwischt zeichnete sich die dunkle Gestalt vor dem nachtschwarzen Himmel ab, während sie jede Deckung nutzend über die Dächer der alten Häuser huschte. Für einen kurzen Moment verharrte sie, horchte, ehe sie weiterlief. Immer wieder blickte sie über ihre Schulter zurück. Ängstlich, verstohlen und wachsam.
Eine rostige Feuerleiter führte über mehrere Stockwerke in die Tiefe. Beinahe lautlos kletterte die Gestalt daran hinunter, überwand die letzten Stufen mit einem einzigen Sprung und kam auf der dunklen, vor Nässe schimmernden Gasse auf. Blitzschnell rollte sie sich über die Schulter ab, blickte kurz nach oben und lief weiter.
Ein Geräusch ließ sie innehalten, sich neben einem großen, dunklen Container ängstlich an eine Wand pressen, beinahe mit ihrer Umgebung verschmelzen. Fieberhaft fuhren ihre Hände über die Auswölbung des Anoraks, als wolle sie sich vergewissern, dass das Bündel darunter noch immer bei ihr war, in Sicherheit.
Weit über ihr erklangen Schritte. Das Geräusch von Schuhen auf den eisernen Sprossen einer Leiter. Die Gestalt blickte im Schutz des Containers hinauf. Für einen Moment erfasste das Mondlicht ihr Gesicht unter der schweren Kapuze. Blaue Augen blitzen voll Panik in einem hellen Gesicht auf, umrahmt von feuerrotem Haar.
„Verdammt!”, fluchte das Mädchen leise. Dabei tastete es nochmals nach dem Bündel, blickte um die Ecke des Containers und schob sich an der Wand entlang bis zu einigen Mülltonnen vor.
Eine Katze sprang hervor, floh mit wütendem Fauchen in die Dunkelheit. Erschrocken hielt das Mädchen den Atem an.
Ausrufe wurden über ihr laut. Panisch blickte es sich um. Ein schleifendes Geräusch erklang. Jemand rutschte an einem Abflussrohr hinab. Das Mädchen trat aus dem Schatten der Tonne, orientierte sich und rannte die regennasse Gasse herunter. Diesmal wich es keiner der Pfützen aus, sondern lief direkt hindurch. Leise zu sein war unerheblich geworden, dazu war es zu spät. Sie hatten sie entdeckt.
Rufe erklangen, weitere Gestalten sprangen in die Gasse. Zwei, nein drei! Eine weitere rannte auf dem Dach entlang, die Beute fest im Blick.
Fast hatte sie das Ende der Gasse erreicht. Noch wenige Meter. Zehn, neun, acht.
Mit der Grazie eines Nachtvogels landete eine weitere Gestalt vor ihr auf dem Boden und zwang die Flüchtende zum Stehen. Sie stützte sich mit einer Hand ab und verharrte kurz mit einem Knie auf dem Boden, bis der schwere, weite Mantel sich komplett um sie gelegt hatte. Dann erst hob die Gestalt den Kopf, schob das lange, schwarze Haar wie einen Vorhang vor dem Gesicht beiseite und sah dem Mädchen direkt ins Gesicht. Sehr ruhig erhob sie sich aus der gebückten Haltung, stützte sich scheinbar gelangweilt auf seinen ebenholzfarbenen Gehstock. Der silberne Knauf bestand aus einem Raubtierkopf, worin zwei auffällig strahlende Rubine die Augen darstellten.
Groß und schlank stand der Jäger in seinen dunklen Mantel gehüllt da und sah das Mädchen aus tiefschwarzen Augen in einigen Metern Entfernung vor sich an. Der Anflug eines Lächelns trat auf das kalkweiße, fein gemeißelte Gesicht mit den aristokratischen Zügen. Nur unzulänglich verdeckte es die Spitzen der verlängerten Saugzähne und konnte so kaum über die Gefährlichkeit dieser Gestalt hinwegtäuschen.
„Du hast etwas, das mir gehört”, sprach der Schwarzgekleidete leise und streckte ihr die Hand entgegen.
Das Mädchen wich leicht zurück, umfasste das Bündel unter dem Anorak fester und schüttelte den Kopf. „Vergiss es, Letavian! Wenn du es haben willst, musst du es dir schon holen.”
Er seufzte leise und trat auf sie zu. Sie wich weiter zurück. „Wohin willst du, Mädchen? Schau dich um, sie haben Hunger. Ein Wort von mir, und sie fallen über dich her wie eine Meute hungriger Köter. Also gib es mir, und ich lasse dich gehen.”
Seinen Worten folgend sah sie kurz über ihre Schulter zurück. Drei Erscheinungen traten aus der Dunkelheit ins Schummerlicht der Gasse, kamen langsam auf sie zu. Und schon sah sie das Weiß ihrer Zähne aufblitzen.
„Nun?”, lenkte der Vampir ihre Aufmerksamkeit wieder auf sich. „Wonach steht dir der Sinn?”
Ihre Hand griff unter den Anorak. Ruhig zog sie ein in weißes Leinen eingeschlagenes Bündel hervor. Gleichzeitig fuhr die andere Hand in ihre Jackentasche, und ein silbernes Benzinfeuerzeug kam zum Vorschein. Sein Deckel schnappte auf, und sie sah den Vampir vor sich herausfordernd an.
„Ich glaube, wir haben hier gerade eine recht beschissene Situation, was? Lässt du deine Schergen auf mich los, geht das hier in Flammen auf. Und keiner von euch wird es löschen können.” Fragend hob sie die Brauen. „Nun, Letavian, wonach steht dir der Sinn?”
Er lachte laut auf und nickte anerkennend. „Nicht schlecht, Kleine. Aber nicht gut genug.” Einen Wimpernschlag später stand er direkt vor ihr, seine Hand schnellte vor, griff nach ihrer Kehle – da schmetterte es ihn plötzlich gegen die Mauer.
„Brauchst du Hilfe, Kimberly?”, erklang es halb belustigt aus der Dunkelheit, und ein Schatten glitt an ihr vorbei, bewegte sich in rasender Geschwindigkeit auf die drei Vampire weiter hinten in der Gasse zu. Einer von ihnen ging in einer hohen Flammensäule auf, einem gelang die Flucht, der dritte jedoch warf sich todesmutig auf das schattenhafte Etwas.
Kurz darauf hallte ein unmenschliches Fauchen von den Wänden wider. Ein Knäuel um sich schlagender Gliedmaßen rollte über den Boden. Wasser spritzte auf. Sie prallten gegen die Tonnen, eine fiel um, und ihr Inhalt ergoss sich auf den Boden. Dann erscholl abermals ein markerschütterndes Fauchen, etwas zerriss, ein Schrei. Dann trat Ruhe ein.
„Du hast verdammt lange gebraucht!”, fluchte das Mädchen und stopfte das Bündel zurück unter den Anorak.
„Entschuldige, ich wurde aufgehalten.” Eine große, massige Gestalt tauchte vor ihr auf, klopfte sich den Schmutz von der Kleidung und blickte sich suchend um. „Letavian?”
„Hat sich verpisst, als du aufgetaucht bist.”
„Merkwürdig.” Er sah das Mädchen an. „Mit dir ist so weit alles in Ordnung?”
Es nickte und klopfte dabei viel sagend auf das Bündel unter dem Anorak.
„Gut gemacht, Kimberly.”
Er drehte sich um, schlug die Kapuze seines dunkelblauen Sweatshirts zurück und fuhr sich durch die rostroten Haare. Unablässig suchten seine grünen Augen die Dunkelheit ab. „Lass uns verschwinden. Mir ist das hier nicht ganz geheuer. Auch wenn Letavian verschwunden ist, werde ich das Gefühl nicht los, dass wir beobachtet werden.”
Sie sah sich lauernd um. „Ist Letavian noch in der Nähe, Alistair?”
Er nahm sie bei der Hand und zog sie mit sich. „Nein, diesmal ist es anders …”

Kapitel Eins -

 

 

Keuchend erwachte ich und schnellte hoch. Nein, es konnte nicht sein. Es war unmöglich.
Zwei Arme umfingen mich schützend, und ein graublaues Augenpaar tauchte mit besorgtem Blick direkt vor mir auf. „Alles okay, Schatz?”
Ich nickte, obwohl ich mich nicht danach fühlte. Nichts schien in Ordnung zu sein. Und er wusste es.
„Wieder einer deiner Träume?”, fragte er leise, zog mich zurück in die Kissen und meinen Kopf an seine Brust. „Erzähl es mir.”
„Es war kein Traum”, meinte ich. „Es ist geschehen, Darian. Ich war da. Und ich habe ihn gesehen.”
„Du warst hier bei mir, Faye. Es kann nur eine deiner Visionen gewesen sein, denn ich habe dich die ganze Zeit in meinen Armen gehalten.” Seine Finger fuhren liebkosend durch mein rotes Haar. „Wen hast du darin gesehen, Faye?”
Ich richtete mich etwas auf, stützte mich mit der Hand auf seinem Brustkasten ab und sah Darian an. „Meinen Bruder.”
„Alistair?”
„Ja. Und wie es aussah, hat er Schwierigkeiten”, murmelte ich nachdenklich.
Darian küsste mich zärtlich, blickte auf die Uhr neben dem Bett und schob die Bettdecke beiseite. Fragend sah ich ihn an. Er lachte. „Worauf wartest du? Ruf ihn an.”
„Jetzt? Mitten in der Nacht?”
Er band sein dunkelblondes, schulterlanges Haar mit einem Band im Nacken zu einem Zopf zusammen und stupste sanft meine Nase. „Du vergisst die Zeitverschiebung zwischen London und New York, Schatz. Dort ist es erst kurz vor Mitternacht. Und er wird dir schon nicht den Kopf abreißen, wenn du ihn anrufst, weil du dir Sorgen machst.”
Ich überlegte kurz. „Ich müsste Dad aus dem Bett werfen, Darian. Ich habe nur Alistairs Nummer aus der Werkstatt.”
„Dann tu das.”
„Oder ich nehme die Federn und schaue nach, was genau –”
„Das kommt nicht infrage”, schnitt Darian mir das Wort ab, und verblüfft sah ich ihn an. Er sprang aus dem Bett, trat vor mich und legte mir seine Hände auf die Schultern. Dabei ging er leicht in die Hocke und blickte mich sehr ernst an. „Ich werde nicht erlauben, dass du in deinem Zustand die Federn benutzt.”
Bestürzt riss ich die Augen auf. „Wie …?”